Musikland Tirol

Die Musiksammlung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum
Die Musiksammlung des Ferdinandeums ist heute ein eigener, den anderen sechs Abteilungen des Tiroler Landesmuseums gleichrangig bewerteter Sammlungsbereich im Rahmen seiner Aktivitäten in Forschung, Dokumentation und Präsentation. Dies kommt organisatorisch schon dadurch zum Ausdruck, dass die Leiterfunktion der Musiksammlung wie bei den anderen Sammlungen mit einem Kustos besetzt ist.

Aller Anfang ist schwer
Das Ferdinandeum wurde 1823 begründet und erhielt seinen Namen nach seinem Protektor, dem Kronprinzen und späteren Kaiser Ferdinand. Zu dieser Zeit waren die wenigen, eher zufällig in das Ferdinandeum gelangten Musikinstrumente und Musikalien bezeichnenderweise in einer Abteilung Alterthümer, historische Erinnerungen und Kuriositäten untergebracht.

1907 - das eigentliche Geburtsjahr der Musiksammlung
Es ist vornehmlich das Verdienst von Franz Waldner (1843-1917), dass 1907 die Musikinstrumente und Musikalien in einem eigens dafür errichteten Musikalien-Kabinett untergebracht und teilweise auch ausgestellt wurden. Darüber hinaus sorgte er dafür, den Bestand konsequent zu erweitern. Waldner, der eigentlich im Hauptberuf Arzt war, hat daneben eine Reihe durchaus beachtlicher und grundlegender musikhistorischer Abhandlungen verfasst, die ihn als begabten Kenner von Rang ausweisen.

Die Musiksammlung - ein ungeliebtes Kind
Obwohl Franz Waldner mit großem Engagement und wegen der geringen Mittel vor allem auch auf Schenkungen angewiesen, eine Musikinstrumentensammlung von internationaler Bedeutung zustande gebracht hatte, war für dieses Glanzstück der Tiroler Kulturgeschichte nach seinem Tod im Jahr 1917 von Museumsseite keine weitere fachliche Betreuung vorgesehen. Erst vierzig Jahre später, im Jahr 1956, hat der bedeutende Tiroler Musikhistoriker Walter Senn sich dieser teilweise verwahrlosten Sammlung angenommen und bis zu seinem Tod, 1981, sachkundig und äußerst erfolgreich betreut. Ihm war besonders die Erwerbung einer Vielzahl wichtiger Instrumente für die Kulturgeschichte Tirols gelungen, ein Umstand, der umso mehr zu bewundern ist, wenn man die immer noch karge finanzielle Zuwendung in Betracht zieht. Er begann auch mit der wissenschaftlich korrekten Bestandsaufnahme der Sammlung und hat erstmals die teilweise wertvollen Notenhandschriften und Notendrucke gesichtet und geordnet.

Dr. Franz Waldner

Univ.-Prof. Dr. Walter Senn

Dr. Manfred Schneider

1984 wird erstmals ein hauptamtlicher Leiter bestellt
Mit der Bestellung des Musikwissenschaftlers Manfred Schneider, einem Schüler von Walter Senn, zum hauptamtlichen Leiter der Musiksammlung erhielt diese Abteilung erstmals die Möglichkeit einer kontinuierlichen wissenschaftlichen und organisatorischen Betreuung. Da der Sammlung bislang keine weiteren Mitarbeiter zugeordnet wurden, liegt der Schwerpunkt der Tätigkeit naturgemäß in jenen Funktionsbereichen, die der Leiter bestmöglich zu realisieren imstande ist. Die Musiksammlung präsentiert sich in der Öffentlichkeit so vor allem mit Konzerten mit spezifischen Programmen zur Tiroler Musikgeschichte und mit CD-Produktionen, die zumeist als akustische Abbilder der Konzerte weiterwirken und diese Aktivitäten auch national wie international einen größeren über das Konzertpublikum hinausreichenden Kreis von Interessenten bekannt machen.

Violine von Jakob Stainer, Absam 1682

Musikalische Schatzkammer des Landes Tirol
Die Musiksammlung verwahrt viele Musikinstrumente und Musikalien von außerordentlicher Seltenheit und auch außergewöhnlicher Schönheit. Der größte Reichtum der Sammlung ist der Bestand an Streichinstrumenten des genialen Geigenbauers Jakob Stainer (um 1617-1683). Seine Instrumente wurden bis ins 19. Jahrhundert sogar mehr geschätzt und höher bewertet als die Erzeugnisse der großen italienischen Meister wie Amati, Guarineri und Stradivari. Gegenwärtig im Zuge der Renaissance der Aufführungspraxis alter Musik, wo der feine anmutige Klang der Instrumente Stainers gegenüber dem fülligeren Ton der italienischen Geigen wieder bevorzugt wird, haben die Erzeugnisse des Absamer Meisters ihre einstige Geltung wieder zurückerlangt. Viele arrivierte Ensembles sind schon stolz darauf, wenn sie auch nur nachgebaute Instrumente Stainers spielen. Das Ferdinandeum besitzt weltweit die größte Anzahl von Zeugnissen der überragenden Kunst Stainers, darunter auch seine in Fachkreisen berühmte letzte, im Jahr 1682 gefertigte Geige, die als sein bestes Werk gilt, jedoch leider nicht im Originalzustand erhalten geblieben ist.

Katalog zur international viel beachteten Ausstellung der Musiksammlung im Mozartjahr 1991

Auch der zweite große Geigenbauer Tirols, der aus Kaltern gebürtige und in Bozen tätige Matthias Alban (1634-1712), der bisweilen fälschlich italianisiert Albani genannt wird, ist in der Sammlung mit einem besonders prächtigen und klangschönen Violine aus dem Jahr 1706 vertreten. Aber auch meisterhafte Instrumente aller anderen wichtigen Geigenbauer Tirols, die in Summe die Tiroler Schule bilden, sind in repräsentativer Anzahl und Qualität in der Musiksammlung vereint.

Streichinstrumente von Michael Ignaz Stadlmann

Preziosa - Kuriosa
Besonders wertvoll und eigentlich nicht im Bestand des Tiroler Landesmuseums zu vermuten sind die einzigartig schön geformte und reich geschmückte Tenor-Gambe von Domenico Russo aus dem 16. Jahrhundert und sechs weitere Streichinstrumente, die aus dem persönlichen Besitz von Kaiser Franz I. stammen. Diese kleine, aber ungemein kostbare Sammlung kam als Schenkung des Erzherzogs Karl Ludwig an das Ferdinandeum. Zwei Instrumente sind mit Amati bezeichnet. Herausragende Bedeutung aufgrund des völlig authentischen Erhaltungszustandes - sogar der Steg ist original - hat die Violine des berühmten Wiener Hof-, Lauten- und Geigenmachers Michael Ignaz Stadlmann aus dem Jahr 1794. Zu dieser Sammlung gehört noch ein Kontrabass Stadlmanns von beeindruckend großer Dimension.

Instrumente der Musiksammlung erklingen in Konzerten
Franz Waldner hatte schon 1907 angeregt, dass die Musikinstrumentensammlung mit einem Konzertraum in Verbindung stehen müßte, in welchem von Zeit zu Zeit die guten Instrumente gruppenweise vor einem gewählten Publikum zu Gehör gebracht würden. Damals ließ sich diese moderne Idee noch nicht realisieren. Erst in den frühen 80er Jahren konnte dieser Plan von Gertrud Spat verwirklicht werden. Im Rahmen von Sommerkonzerten im Ferdinandeum wurden über mehr als ein Jahrzehnt hinweg vor allem Tasteninstrumente aus der Musiksammlung, vielfach mit Musik Tiroler Komponisten, klingend präsentiert.

Hammerflügel von Conrad Graf, Wien um 1838

Hammerflügel von Johann Georg Gröber, Innsbruck um 1825
Gitarre in Innsbrucker Form von Johann Fritz, Innsbruck um 1820
Mandoline von Johann Georg Psenner, Innsbruck 1775

Eigene CD-Reihe mit Musikinstrumenten des Ferdinandeums
Einzelne herausragende Instrumente der Musiksammlung haben in den letzten Jahren eine eigene Klangmonographie erhalten. Bisher sind in dieser Reihe sieben Produktionen entstanden:

Violine von Michael Ignaz Stadlmann, Wien 1794
Hammerflügel von Conrad Graf, Wien um 1838
Tafelklavier von Ludwig Kulmbach, Heilbronn um 1825
Mandoline von Johann Georg Psenner, Innsbruck 1775
Violine von Jakob Stainer, Absam 1682
Violine von Matthias Alban, Bozen 1706
Traversflöte von Franz Krismer, Innsbruck um 1825

Instrumente der Musiksammlung werden aber auch im Rahmen von Konzerten des Ferdinandeums eingesetzt, so etwa beim Konzertprojekt Barockfest im Juli 2001, wo zwei der wertvollsten Instrumente der Sammlung erstmals öffentlich gespielt wurden. Die groß dimensionierte Viola von Jakob Stainer aus dem Jahr 1679 und die herrliche Viola Jonas Heringers, die der Füssener Meister um 1635 baute und die im Zuge der Sammelaktion Franz Waldners 1915 in den Bestand der Musiksammlung gelangte, wurden für diese Konzerte mit CD-Produktion restauriert und sorgfältig in den Originalzustand zurückgebaut, wodurch auch ihr materieller Wert beträchtlich gestiegen ist.

links: Viola von Jakob Stainer, Absam 1679; rechts: Viola von Jonas Heringer, Füssen 1635

Erste klingende Musikgeschichte eines Landes in einem Klangraum
Der Klangraum im Museum im Zeughaus ist eine weltweit einzigartige Einrichtung. Auf derzeit 100 Einzel-CDs ist Tirols großartige Musikgeschichte in bester Vielfalt dokumentiert und klingend erfahrbar. Anhand eines reich differenzierten Katalogs kann sich der Besucher einen Ein- und Überblick über Tirols reichhaltige Musikvergangenheit verschaffen und nach Belieben das Stück seiner Wahl über die Klangmaschine selbst abrufen. Dieser Katalog ist auch im Internet unter www.Musikland-tirol.at verfügbar. Der Klangraum ist die besondere Attraktion der Musiksammlung und das Ergebnis der konsequenten und vielfach innovativen Arbeit der letzten zehn Jahre. Das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum ist derzeit das einzige Museum der Welt, das imstande ist, eine klingende Musikgeschichte, ein klingendes Museum zu präsentieren mit der ausschließlichen Intention der lokalen Komponente. Die Konzerte bilden dabei gewissermaßen Klingende Ausstellungen, die dann in ihrer akustisch abgebildeten Form als CDs dauerhaft und in medialer Vielfalt nahezu unbegrenzt weiterwirken können.

Zu einer Denkmalpflege der Musik
Die Musik ist als Kunst und soziales Phänomen ein wichtiger Bestandteil der Kulturgeschichte Tirols. Dokumente, Notenhandschriften, Instrumente, Drucke, die Musik erschließen, transportieren oder erst ermöglichen, sind Denkmale der Identität Tirols gleichwie Bauten und Bildwerke und gehören natürlich integral zur Kulturlandschaft einer Region. In der offiziellen Denkmalpflege Tirols spielt die Musik des eigenen Landes als schützenswerte Kunstform leider keine Rolle. Die großartigen Schöpfungen auf dem Gebiet der Musik, die die letzten fünf Jahrhunderte der Geschichte Tirols durchwegs auszeichnen, sind auf Papier notiert und erregen so nicht jene öffentliche Aufmerksamkeit wie die allgegenwärtigen Werke der Bildenden Kunst. Erst die Umsetzung dieser graphischen Symbole in sozialer Interaktion von Musiker und Publikum lässt das Musikwerk in der Zeit für gewisse Zeit entstehen. Mit den gegenwärtigen Mitteln der Technik ist es aber zum Glück möglich geworden, auch Musik, vor allem auf CDs, wie Bildwerke dauerhaft zu fixieren und jederzeit verfügbar zu machen. Damit könnte auch für die Musik im Bereich der Denkmalpflege ein neuer Weg eröffnet worden. Die Musiksammlung des Ferdinandeums hat in den letzten Jahren in vielen Archiven Europas eine stattliche Materialiensammlung zur Tiroler Musikgeschichte gesammelt. Es sind dies vor allem Drucke von Kompositionen, die im 16. und 17. Jahrhundert in großer Zahl und in hoher Qualität in Tirol entstanden sind. Vielfach sind diese Quellen, die wie durch ein Wunder die Zeiten überdauert haben, schon in moderne Notenschrift transferiert worden und können so nach und nach in Konzerten vorgestellt und auf CDs dokumentiert Tirols große Musikvergangenheit erschließen. Ein bemerkenswertes Ergebnis dieser innovativen und auch international derzeit einzigartigen Strategie ist unsere jüngst erschienene CD mit Liedern Alexander Utendals. Dieser niederländische Meister war über ein Jahrzehnt in der Hofkapelle Erzherzog Ferdinands II. von Tirol in führender Position tätig. Seine in Innsbruck für seinen Dienstherrn und für Schloss Ambras 1574 komponierte Sammlung mit deutschen und französischen Gesellschaftsliedern war in der Fachwelt sowie in der Musikpraxis bislang weitgehend unbekannt. Dies verwundert umso mehr, weil sich im Rahmen unserer beiden Konzerte auf Schloss Ambras im Sommer 2001 die herausragende Bedeutung dieser Entdeckung offenbarte. Utendals Liedersammlung ist ein Meisterwerk der universellen Musikgeschichte, das durch die Aktivitäten des Ferdinandeums nun wieder allgemein sowohl als Notentext wie als Klangdokument als eminenter international bedeutsamer Kulturgewinn zur Verfügung steht.

Im Sommer 2007 hat der Musikwissenschaftler Dr. Franz Gratl, auf Wunsch und Empfehlung von Dr. Manfred Schneider in der Musiksammlung seit 2006 tätig, deren Leitung übernommen.

Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
Museumstr. 15, A 6020 Innsbruck
Tel.: +43 (0) 512 59 489 Fax: +43 (0) 512 59 489 - 88
e-mail: Sekretariat
oder Mag. Dr. Franz Gratl
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