Musikland Tirol

Schloss Ambras ist ein Kulturdenkmal ersten Ranges. Vordergründig mag der imposante Bau am südlichen Stadtrand von Innsbruck, umrahmt von grandioser Landschaft beeindrucken, aber es ist gewiss auch das verborgene immaterielle Flair, das diesen Ort so zeitlos, geheimnisvoll, anziehend macht. Schon seine Begründung ist eine Story. Nicht Feinde sollte der mächtige Bau abschrecken, seine gewaltigen Dimensionen waren vielmehr manifester Ausdruck der Liebesbeziehung des Tiroler Landesfürsten Erzherzog Ferdinand II. zu seiner bürgerlichen Gemahlin Philippine Welser. Schloss Ambras war ein Liebesgeschenk und als solches mit aller nur erdenklichen Hinwendung geplant, aufgeführt und ausgestattet. Dieses Handeln im Überschwang des Gefühls gehörte überhaupt zum Wesenszug im Charakter Erzherzog Ferdinands, das ihn zu einem Idealbild des Renaissancefürsten werden ließ. Aber für den Tiroler Landesherrn wurde Schloss Ambras nicht allein ein Ort der Lebenslust und des ungehemmten Vergnügens. Erzherzog Ferdinand hatte vor allem auch Visionen und einen Blick in die Zukunft. Sein Interesse für Wissenschaft, Kunst und auch für alles Kuriose und Merkwürdige war ihm offenbar nicht allein Privatsache zur Demonstration adeliger Sonderstellung, sondern hatte durchaus schon intentional den modernen Gedanken musealer Dokumentation. So vereinte er auf Schloss Ambras eine vielfältige und überaus originelle Kunst- und Wunderkammer mit einer umfassenden Bibliothek und schuf so ein Vorbild für alle späteren Museen. Dass ihm diese Intention zum Lebensinhalt geworden war, mag seine testamentarische Verfügung bestätigen, in der Erzherzog Ferdinand allein Schloss Ambras als Ort für den Verbleib des vollständigen Inventars und somit kompletten Sammelguts bestimmte und zwar unzerteilt und für alle Zeiten.

Was ist aus dem Willen des Stifters geworden?

Erzherzog Ferdinand hatte in seinem Sammeleifer auch einen überaus reichhaltigen Fundus an allen nur erdenklichen Musikinstrumenten im Ambraser Realienbestand. Diese Instrumente gehörten keinesfalls zum Gebrauchsgut der Musiker seiner berühmten Innsbrucker Hofkapelle, sondern waren nach musealen Gesichtspunkten ausgewählte Sammelobjekte. Kurioses vereinte sich mit ausgesuchter Schönheit, darunter Musikinstrumente, die heute weltweit zu den beeindruckendsten Denkmalen des Instrumentenbaus zählen. Im frühen 19. Jahrhundert hat Kaiser Franz aus Furcht, die damaligen bayerischen Eroberer Tirols könnten die Musikinstrumente als Beutegut außer Landes bringen, die Sammlung geschlossen nach Wien schaffen lassen, wo sie sich heute noch befindet. Österreichische Schlamperei oder Berechnung, jedenfalls gehören die Ambraser Musikinstrumente nunmehr zum Inventar des Kunsthistorischen Museums und bilden den Grundstock der international berühmten dortigen Musiksammlung. Dies entspricht aber nicht dem Ansinnen des Begründers, der alle Objekte in ihrer Vielfalt als komplexes Abbild seiner Zeit und darum vor allem auch geschlossen und auf Dauer auf Schloss Ambras vereint wissen wollte. Da sowohl das Kunsthistorische Museum in Wien als auch das Schloss Ambras Eigentum der Republik Österreich sind, dürfte es juristisch und organisatorisch nicht allzu schwer fallen, dem letzten Willen des Gründers der Sammlung endlich gerecht zu werden und die Musikinstrumente wiederum an ihren ursprünglichen Bestimmungsort nach Schloss Ambras zu bringen. Die Schlossverwaltung sollte sich um einen Musikwissenschaftler bemühen, der neben der sachkundigen Betreuung des Instrumententariums auch gleich das Konzertwesen auf Schloss Ambras neu und dem Geist des Ortes entsprechend organisieren könnte.

Erzherzog Ferdinands Leidenschaft galt besonders der Musik. Schloss Ambras war erfüllt von Klängen, und die berühmtesten Komponisten der damaligen Zeit schickten ihre Werke an den Hof des Tiroler Landesfürsten. Dabei hatte er selbst beste Musiker in seinen Diensten, die aus aller Herren Länder stammten. Einige von ihnen waren überregional bedeutende Komponisten, deren Werke in renommierten Verlagen erschienen und zum größten Teil auch erhalten sind. Konzerte auf Schloss Ambras sollten sich vor allem auf diese großartige Tradition besinnen und dem herrlichen Ambiente des Spanischen Saals seine entsprechende akustische Aura hinzufügen. Ein solches Ansinnen verlangt aber Fantasie, Fachwissen sowie den Abschied von Routine und agenturgerechten Programmen. Dem Geist von Schloss Ambras entsprechen nicht vielerorts erlebbare Konzerte, sondern exklusive Programme. Es gibt derzeit und seit mehr als drei Jahrzehnten Konzerte auf Schloss Ambras. Diese Veranstaltungen während der Sommermonate werden von den Betreibern der Innsbrucker Festwochen für Alte Musik organisiert. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Beschäftigung mit diesem Zyklus von über die Monate Juni und Juli verteilten Konzerten den Verantwortlichen in letzter Zeit eher lästige Pflichtübung geworden ist. Auf der anderen Seite kommt den Betreibern der Gedanke einer Zusammenarbeit oder vielleicht überhaupt Weitergabe der in ihrer fantasiearmen Konzeption so pflegeleichten, aber erstaunlicherweise immer noch prestigeträchtigen Konzertreihe gar nicht in den Sinn. Schade, aber auch wiederum verständlich. Die Finanzierung ist vor allem durch die Gönnerschaft des Vereins Innsbrucker Sommerspiele und dessen Touristiker gesichert. Auch entsprechend wohlwollende Publizität ist gegeben, weil Besprechungen der Ambraser Schlosskonzerte auf der Kulturseite der Tiroler Tageszeitung zum kontinuierlichen Ritual der Berichterstattung gehören. Zudem muss man sich über den Besucherandrang keine Sorgen machen: Die ca. 400 Sitzplätze ausverkaufen sich spielend, zumal sie ohnehin weitgehend von Mitgliedern des Freundeskreises der Ambraser Schlosskonzerte in Beschlag genommen sind. Unter solchen schlaraffischen Bedingungen mag man geistige Schlaffheit nachsehen. Aber es ist eine große Gelegenheit vertan und in Kenntnis dieser Sachlage wächst eine Verantwortung heran, die sich nicht einfach beiseite schieben lässt.

Schloss Ambras hat eine einzigartige historische Musiktradition aufzuweisen und ein einmalig herrliches Ambiente anzubieten. Im Zusammenwirken beider Komponenten sollten Konzerte auf Schloss Ambras eigentlich unvergessliche Erlebnisse sein. Die Quellen dazu sind gesichert, die Voraussetzungen gegeben. Innsbruck hat ein großartiges und auch geduldiges Publikum. Eine grundlegende Neuorientierung der Ambraser Schlosskonzerte wäre ihm und seinen Gästen aus aller Welt zu gönnen.

Triole

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